Die Mutter, für die ich diese Geschichte schrieb, hatte sich gerade entschieden,
sich selbständig zu machen. Sie sah sich nun mit der Herausforderung konfrontiert, nicht nur ihre
Selbständigkeit zu organisieren, sondern auch für die Finanzierung zu sorgen, Zeit für die Familie
einzuplanen und ein neues Gleichgewicht in ihrer Beziehung zum Partner herzustellen.
Die Wette
Die Männer saßen vor dem Fernseher und kommentierten wieder einmal die Nachrichten. „Die Politiker
sind doch alle gleich, nichts als leere Phrasen. Wenn ich was zu sagen hätte, würde ich die
Steuergelder ganz anders verteilen!“.
Ellen und Sandra guckten einander an: Immer das gleiche! Wenn die beiden Pärchen sich trafen,
wurde in letzter Zeit von Jo und Harry immer häufiger der Fernseher eingeschaltet. Nicht, dass
sie nichts Besseres mit der Zeit anzufangen wüssten, aber es war halt bequem. Ellen langweilte sich.
Ihr Leben verlief ruhig. Seit ihre Jüngste in die Schule ging, arbeitete sie als Abteilungssekretärin
in einer großen Handelsfirma, der Große ging schon auf die Oberschule, die Abende waren angefüllt mit
Hausarbeit, Kindersorgen, Diskussionen mit Jo über den nächsten Sommerurlaub ... Sicher, sie hatte
sich dieses Leben immer gewünscht, und doch ... Es änderte sich nun kaum noch etwas,
die Tage glichen einander.
„Jetzt sieh‘ Dir das an! Das ist ein Leben, mit dem Segelboot um die Welt! Das könnten wir
beide doch auch, Harry, oder?“ Jo stieß Harry in die Seite. „Klar“, sagte der, „gesegelt
sind wir ja nun schon oft genug, das ist dann halt nur ein bisschen weiter,
Mann, kein Problem!“
Ellen verzog das Gesicht. Jo drehte sich zu ihr um. „Was denn, passt dir der Gedanke nicht?
Könntest es wohl nicht ertragen, so lange von mir getrennt zu sein!“ Ellen lächelte nur gequält,
aber Sandra ging sofort darauf ein. „Du bist ja heute ganz schön aufgedreht, mein Lieber.
Ich glaube, Ellen würde die Trennung von dir leichter fallen, als dir lieb ist. Nur,
dass wieder mal ihr beide die Pläne schmiedet und glaubt, die Frauen würden brav zu Hause
bleiben, das passt ihr nicht!“
„Was soll das denn bedeuten!“ meldete sich jetzt auch Harry zu Wort, „Ihr beiden würdet ja
nicht mal einmal um den Wannsee schippern können! Nee, das ist Männersache, einsame Segler
erleben das große Abenteuer. Wer sollte sich denn sonst auch um die Kinder kümmern?“
Da platzte Ellen der Kragen. „Wie wäre es denn, wenn ihr das zur Abwechslung mal übernehmt?
Und wir segeln im Übrigen nicht nur einmal um den Wannsee, wir haben genauso viel Segelerfahrung
wie ihr, wir segeln auch einmal um die Welt, und zwar ohne irgendwelche männliche Hilfe!“
So ging es noch eine Weile weiter, ein Wort gab das andere, und dann stand der Inhalt der
Wette fest: Die Frauen sollten im nächsten Sommer innerhalb von drei Monaten das Mittelmeer
einmal komplett umsegeln, der Küste folgend, und zwar nur zu zweit und ohne finanziellen Rückhalt.
Den Proviant sollten sie sich unterwegs verdienen. Und da keine der beiden Frauen bereit war,
den Männern den Triumph zu gönnen und klein beizugeben, wurde die Wette schließlich mit Sekt besiegelt.
von Heike Schwatke