Mira im Wunderland

eine Geschichte für alle,
die Angst davor haben, allein zu sein


Eine Bekannte erzählte mir, dass sie schlecht allein sein könne und der inneren Leere in solchen Momenten stets eine starke Unruhe folge. Ihr fiel dazu das Bild ein, wie sie als Kind nachts allein im dunklen Haus nach ihren Eltern gesucht hatte. Sie wünschte sich, in solchen Situationen gelassener zu werden.

Mira im Wunderland

Mira lag im Bett und starrte mit offenen Augen in die Dunkelheit. Ihr Geist suchte verzweifelt nach einer Idee, die sie wach halten würde. Sie wollte auf keinen Fall einschlafen, denn sie befürchtete, dass der Albtraum wiederkäme. Vor einigen Tagen hatte sie „Alice im Wunderland“ im Fernsehen gesehen, und seitdem träumte sie jede Nacht, sie sei wie Alice in das Kaninchenloch gefallen und müsse verzweifelt eine Möglichkeit suchen, aus dem Raum, in den das Kaninchenloch sie geführt hatte, heraus in den Garten der Königin zu gelangen.

Diese Szene hatte sie sehr beeindruckt. Alice stürzte in das kleine Kaninchenloch und fiel und fiel, bis sie schließlich in einem kleinen leeren Zimmer landete. Das einzige Möbelstück war ein Tisch in der Mitte des Raumes, der Fußboden war schwarz-weiß gefliest, die Wände weiß und leer. Eine einzige winzig kleine Tür führte hinaus in einen wunderschönen Garten, aber Alice war zu groß um hindurchzugehen. Dann fand sie diese Flasche, auf der „Trink mich“ stand, und als sie einen Schluck davon genommen hatte, schrumpfte sie plötzlich so sehr, dass sie nur noch so groß wie ein Fingerhut war. Aber oh Schreck, der Schlüssel für die Tür zum Garten lag auf einem Tisch, und der schien ihr nun riesengroß, und sie war viel zu klein, um an den Schlüssel heranzureichen. Alice fand dann schließlich noch einen Keks, auf dem „Iss mich“ stand, und der ließ sie wieder wachsen, nur wurde sie dann viel zu groß und passte kaum noch in das Zimmer. Irgendwie schaffte sie es schließlich, aus dem Raum zu gelangen, jedoch nicht durch die Tür, die in den wunderschönen Garten führte. Erst nach vielen Abenteuern im Wunderland fand Alice den Weg dorthin.

Mira hatte vergessen, wie Alice aus dem Raum entkam. Aber die Szene hatte sich so in ihr Gedächtnis gebrannt, dass sie seitdem jede Nacht träumte, sie selbst sei in diesem Raum gefangen, versuchte als Zwergin verzweifelt, einen Ausweg aus diesem bedrohlich großen Zimmer zu finden. Alles ringsum war riesengroß. Die Tischbeine waren wie gigantische Mammutbäume, auf denen in unerreichbarer Höhe die immens große Tischplatte wie ein riesiges Raumschiff zu schweben schien. Mira wusste nicht, wie sie jemals einen Ausweg aus dem Raum finden sollte. Und so laut sie rief, so sehr sie verzweifelt über die Fliesen rannte, die die Größe von Fußballfeldern hatten, niemand hörte sie, und niemand kam, um ihr zu helfen. Da wuchs ihre Panik so sehr, dass sie schreiend aufwachte. Weinend lag sie dann in den Armen ihrer Mutter, die sich bemühte, sie zu trösten, aber gegen die Albträume wusste sie keinen Rat.

von Heike Schwatke