Die Empfängerin dieser Geschichte war – nach dem Verlust ihres Mannes – schwer erkrankt,
konnte sich jedoch schlecht auf die Genesung konzentrieren, da sie gefühlsmäßig noch in einem alten
Konflikt gefangen war.
Julie
Sonne schien auf die grüne Frühlingslandschaft. Freudig stürmte Julie über die blumenbedeckte Wiese.
Ihr Hufschlag dröhnte kraftvoll unter ihr, in ihrer Mähne fühlte sie den lauen Sommerwind,
und sie genoss es zu fühlen, wie sich ihre Muskeln bei jedem Galoppsprung zusammenzogen und
wieder dehnten. Runde um Runde hatte sie übermütig gedreht. Nun stoppte sie am Ende der Wiese
ihren Lauf und beugte sich über den kleinen Bach, der die blühende Grünlandschaft durchfloss,
um einen Schluck Wasser zu trinken. Dann drehte sie ihren langen schlanken Hals, um sich nach
ihrer Familie umzuschauen. Vater, Mutter, Brüder und weitere Verwandte grasten friedlich in der Ebene.
Ein starkes Gefühl von Glück und Frieden durchströmte Julie. Dies war ihr Leben, sie kannte nichts anderes,
und hier fühlte sie sich wohl, im Verbund der Herde und im Einklang mit der Natur war ein Tag
schöner als der andere.
Während Julie so vor sich hin träumte, zog etwas ihre Aufmerksamkeit auf sich.
In der Ferne sah sie eine Staubwolke über den Hügeln entstehen, die sich langsam auf die Ebene zu bewegte.
Auch die anderen Pferde hatten es bemerkt und drehten unruhig ihre Köpfe. Die Wolke wurde immer größer
und bewegte sich direkt auf die Pferdeschar zu. Jetzt kam Bewegung in die Pferde, Julies Eltern und
Geschwister schreckten auf, wieherten Julie zu, stieben mit den Hufen Erde auf und vollführten einen
wilden Tanz, dann drehten sie ab und stürmten in gestrecktem Galopp davon. Julie jedoch stand wie
versteinert und verstand nicht, was geschah. Die Staubwolke war schon bedrohlich groß geworden,
und nun konnte Julie einzelne Farbtupfer darin erkennen, und Pferdebeine. Da begriff sie endlich.
Es war eine Horde Reiter, wahrscheinlich Jäger, und sie waren auf der Jagd nach Wildpferden.
Julie rannte den anderen Pferden hinterher, so schnell sie konnte, aber die Reiterhorde kam immer näher.
Da, ein Gatter, sie nahm es im Galopp, preschte in wildem Tempo über kleine Hügel und Büsche, versuchte,
Richtung Berge zu entkommen, um sich zu verstecken. Doch da schnitten ihr zwei Reiter den Weg ab,
Julie schlug einen Haken, wendete und galoppierte in die entgegengesetzte Richtung, doch auch von
dort kamen die Reiter lassoschwingend auf sie zu. Julie brach zur Seite aus, doch es war zu spät – sie
war umzingelt. Im Augenwinkel sah sie etwas Dunkles geflogen kommen, da fühlte sie das Lasso,
das sich straff um ihren Hals legte, ihr blieb die Luft weg, und der Boden verschwand
unter ihren Füßen.
Als sie erwachte, war es dunkel, aber sie konnte die Geräusche der vielen Wildpferde um sie herum hören,
die mit den Hufen auf dem Boden scharrten, durch die Nüstern schnaubten oder leise schnarchten.
Neben sich fühlte Julie auf beiden Seiten warme Pferdekörper an sich gepresst. Langsam fiel ihr
wieder ein, wie sie von den Jägern gefangen, zu Fall gebracht und davongeschleppt worden war,
sie erinnerte sich an die tagelange Wanderung ohne Wasser und kaum Zeit zum Grasen, daran,
wie sie dann mit vielen anderen Pferden in eine kleine Koppel gesperrt worden war,
bevor sie in diesen riesigen grauen Kasten auf dem Wasser geführt wurde. Nun lebte sie seit zwei
Tagen in Dunkelheit, und der Boden unter ihren Füßen schwankte. Sie vermutete, dass der graue Kasten
eine Art Schiff sein musste und die schwankende Bewegung die Wellen unter ihr. Ihr Magen krampfte
sich vor Hunger zusammen. Sie bemühte sich, wieder einzuschlafen.
von Heike Schwatke