Die Befreiung des Geparden
eine Geschichte für alle,
die beweglicher werden wollen
Der Empfänger dieser Geschichte fühlte sich mit seinem leichten Übergewicht unbeweglich
und schlapp. Er hatte bereits mehrfach versucht abzunehmen, konnte sich jedoch nicht überwinden, mit einer
Diät zu beginnen. Sein "Wunschgefühl" beschrieb er als die Behändigkeit eines Geparden. Mittlerweile hat er
übrigens beträchtlich abgenommen und treibt regelmäßig Ausdauersport.
Die Befreiung des Geparden
Müde schleppte sich Maurice den langen Gang hinunter. Die Schubkarre, die er missmutig vor sich herschob,
schien mit jedem Schritt schwerer zu werden. Am Käfig des alten Königstigers blieb er stehen und setzte die
Karre ab. Mit einem Stöhnen richtete er sich auf, sein Rücken schmerzte. Nur noch zwei Käfige hatte er heute
zu reinigen, aber eigentlich war er schon zu erschöpft dafür. Er gähnte laut, um etwas munterer zu werden.
Die eingerostete Käfigtür ließ sich nur schwer öffnen. Mit Mühe zwängte Maurice sich und die Schubkarre in
das leere Gehege, griff nach dem Besen und begann, sich Meter für Meter über die Fliesen durch den Raum zu
arbeiten. Dabei ließ er seine Gedanken schweifen, denn seine Tätigkeit erforderte keine Aufmerksamkeit. Er
dachte an sein Gespräch mit dem Geschäftsführer von heute morgen. Nicht zum ersten Mal hatte der Geschäftsführer
ihn gebeten, die Stelle des Managers der Abteilung Karnivoren zu übernehmen, also die Leitung des Raubtierhauses,
in dem Maurice nun schon seit 12 Jahren als Tierpfleger arbeitete. Maurice wusste nie, was er ihm antworten sollte,
und hatte Herrn Seibert auch heute wieder mit Ausreden vertröstet. Er konnte sich gar nicht vorstellen,
einen Schreibtischjob anzunehmen, und schon gar nicht einen Posten mit soviel Verantwortung.
Er war nicht der Typ für Anzug und Krawatte, das war er noch nie gewesen. Tierpfleger war die einzige Arbeit,
die er je gelernt, je verrichtet hatte. Er wusste ja nicht einmal, welche Aufgaben ihn überhaupt erwarten
würden. „Eine abwechslungsreiche Tätigkeit, ja, eine Herausforderung,“ hatte Herr Seibert es genannt,
„eine Position, in der jemand gebraucht wird, der die Tiere kennt“. Ja, die Raubtiere kannte Maurice.
Schon seit Jahren arbeitete er mit ihnen und genoss es, die beweglichen Tiere zu beobachten und sich
zu überlegen, was sie wohl denken, und was sie tun würden, wenn sie in Freiheit wären. Danach versuchte
er sie auch zu behandeln. Er hatte schon einige gute Vorschläge für Verbesserungen in der Käfiggestaltung
und der Haltung der wertvollen Tiere gemacht. Aber das qualifizierte ihn noch lange nicht für einen Managerposten.
In seinen Ohren hallte es noch nach: „Eine Herausforderung ...“
von Heike Schwatke