Das Weihnachtsmärchen schrieb ich für eine Bekannte,
die seit Jahren Angst davor hat, allein zu Hause zu sein, wenn es dunkel wird.
Dann kann schon ein kleiner Schatten vor dem Fenster angstvolle Gedanken auslösen,
die sich mehr und mehr steigern, bis sie sich schließlich kaum noch traut,
allein durch die Wohnung zu gehen. Sie wünscht sich, aus diesen „Denkschleifen“ zu
entkommen und die unnötige Angst von der reellen Gefahr zu unterscheiden.
Weihnachtsfest für einen Elfen
In der Paketabteilung der Weihnachtsfabrik am Nordpol herrschte geschäftiges Treiben.
Dutzende von bunt gekleideten kleinen Weihnachtselfen standen an den Fließbändern,
die in einem fort die schönsten Spielsachen für Kinder auf der ganzen Welt durch den
weihnachtlich geschmückten Saal transportierten, und verpackten alles mit den
verschiedensten Sorten farbenfrohen Geschenkpapiers, meterlange Geschenkbänder
schwirrten durch die Hände der erfahrenen Elfen. Hier wurden Teddybären, Walkmans,
Babypuppen und Stoffelefanten ebenso elegant verpackt wie Spielzeugeisenbahnen,
Halloweenmasken und Kinderfahrräder. Kontrollelfen sprangen hin und her,
damit die richtigen Geschenke wunschzettelgemäß in die entsprechenden Säcke gelangten,
im Hintergrund erklangen Weihnachtslieder, zu denen die Elfen mitsangen oder den
Takt mit den Füßen mitklopften, und inmitten des ganzen vorweihnachtlichen
Tohuwabohus stand Santa Claus und blickte schmunzelnd und wohlwollend auf seine fleißigen Helfer.
Er bemerkte nicht, dass sich der kleine Jack missmutig aus dem Saal stahl und niedergeschlagen
zu den Unterkünften der Weihnachtselfen schlich. Er fühlte sich hundeelend.
Alle waren mit so viel Freude bei der Arbeit, konnten die schönen bunten Geschenke verpacken,
waren in diesem stimmungsvollen Saal beisammen und guter Dinge, und niemand bemerkte,
wie schlecht es ihm ging. Gerade hatte er sich beim Oberaufsichtselfen krankgemeldet.
Jack war noch neu hier am Nordpol, er hatte den Dienst als Weihnachtself erst dieses Jahr angetreten,
und im Gegensatz zu den Elfen in der Paketabteilung, die sich in Jahren mühsamer Plage auf
ihre schönen Plätze emporgearbeitet hatten, stand er noch ganz am Anfang seiner Weihnachtselfenkarriere,
und seine Aufgabe war ihm zutiefst zuwider. Nicht nur das, er hatte schiere Angst vor seinem Arbeitsplatz.
Nicht, dass er kein Weihnachtself sein wollte, er hatte schon als Kind davon geträumt,
den Kindern auf der ganzen Welt ihre Weihnachtsüberraschungen zu basteln, nur den Dienst
in den unterirdischen Transportkanälen, die von den verschiedenen Produktionshäusern in
die Paketabteilung führten, den konnte er einfach nicht mehr antreten.
von Heike Schwatke