Piet der Drache

eine Geschichte für alle,
die versuchen, einen Charakterzug zu unterdrücken


Die Frau, für die ich diese Geschichte schrieb, wünschte sich, mit ihrer Spontaneität natürlicher umzugehen. Bislang hatte sie häufig ein schlechtes Gewissen, wenn sie spontan war – also nicht vorher über die möglichen Konsequenzen dessen, was sie tat, nachdachte. Sie glaubte, das schlechte Gewissen rühre daher, dass ihre Eltern ihr zu oft gesagt hatten, sie solle ein braves Mädchen sein.

Piet der Drache

Vor langer langer Zeit gab es in einer verlassenen Gegend am Rande der Alpen einen kahlen spitzen Berg. Kein Baum und kein Strauch wuchsen dort, der Berg war so kahl und spitz, dass er von den Menschen „der Pfeil“ genannt wurde. Und hinter diesem kahlen spitzen Berg lebte in einer kleinen Höhle, deren Eingang so gut in einer Schlucht versteckt war, dass ihn niemand finden konnte, ein kleiner Feuer speiender Drache namens Piet. Hierher hatte er sich zurückgezogen, als er erfahren hatte, dass Siegfried der Drachentöter ausgezogen war, um ihn zu suchen.

Piet saß vor seiner Höhle und grübelte, wie so häufig, vor sich hin. Er machte sich Vorwürfe. Nun hatte er schon so viele Jahre lang versucht, ein guter Drache zu sein, aber die Menschen fürchteten sich mehr vor ihm als je zuvor. Schuld daran war nur das dumme Feuerspeien, mit dem er einfach nicht aufhören konnte. Von klein auf hatte ihm sein Vater beigebracht, dass die Menschen es nicht mochten, wenn Drachen Feuer spien, weil sie Angst davor hatten. Immer wieder hatte er in ihn gedrungen, es zu unterdrücken, wenn irgendein Wesen, Mensch oder Tier, in der Nähe war. „Die Menschen glauben, Drachen speien Feuer, weil sie böse sind. Das Feuer entzündet die Häuser der Menschen, ihre Ernte und ihre Haut, und deshalb werden wir von den Menschen gejagt.“ Piet hatte immer versucht, es seinem Vater recht zu machen, hatte das Feuerspeien unterdrückt und sich artig benommen. Doch immer, wenn er sich eine Zeit lang besonders bemüht hatte und sich auch das kleinste Flammenzünglein verkniffen hatte, brach das Feuer schließlich um so stärker aus ihm heraus, und steckte dann häufig Büsche oder Bäume in Brand. Meist passierte das, wenn Piet sich über etwas ärgerte. Und je länger er das Feuerspeien unterdrückte, desto schneller ärgerte er sich. Und auch jetzt, wo er ein erwachsener Drache war, wurde es nicht besser. Im Gegenteil, die Flammen, die er ausstieß, waren noch größer und verheerender als früher. Darum hatte er sich hierher zurückgezogen, in die Einsamkeit, wo es niemanden gab, der sich vor ihm fürchten konnte, und wo er so viel Feuer speien konnte, wie er wollte, da die Gegend so kahl war, dass es nichts gab, was sich entzünden konnte.

Doch Piet war einsam. Hier gab es niemanden, mit dem er sich die Zeit vertreiben konnte, und die triste Landschaft und die Angst vor Siegfried dem Drachentöter deprimierten ihn. So grübelte er nun schon seit Wochen über all dies und sann nach einem Ausweg. Hier wollte er nicht mehr bleiben, doch so, wie die Dinge lagen, konnte er auch nicht einfach in belebte Gegenden zurückkehren. Was sollte er nur tun?

Da fiel ihm plötzlich ein, dass er einmal von einer weisen Katze hatte erzählen hören. Sie hieß Amelie und sollte schon vielen Kreaturen geholfen haben, die nicht weiterwussten, Kranken, Hässlichen und Verzweifelten. Vielleicht konnte die Katze ihm ja weiterhelfen!

Der Gedanke daran brachte seine Lebensgeister zurück. Er sprang auf, kleine Flämmlein züngelten aus seiner Nase, und flugs verschwand er in seiner Höhle, um das Nötigste für die Wanderschaft zu packen.

von Heike Schwatke